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Rückstand von zehn Jahren
2. Juni 2008
Der Berliner Bildungswissenschaftler Thomas Seidel über Wege des deutschen Bildungssystems, die verpassten Chancen bei ICT-gestütztem Unterricht aufzuholen.

Was bringt computergestütztes Lernen im Unterricht?
Seidel: Wissen und Bildung sind elementare Voraussetzungen der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und seiner Kinder. Da gilt es, zu antizipieren, was auf die Kinder zukommt. Es gibt heute praktisch keinen Beruf mehr, der ohne Computer auskommt, nur in der Bildung – und dort auch nur in Deutschland – wird noch diskutiert, ob der Lehrer auch im Unterricht Computer einsetzen sollte.
Welche Schulformen profitieren besonders davon?
Seidel: Von der Grundschule über Haupt- und Realschulen bis zu Gymnasien und Berufsschulen grundsätzlich alle. Aber vor allem diejenigen Schulformen, die ihren Lehrern die Freiheit lassen, auf individuelle Fähigkeiten ihrer Schüler einzugehen und weniger starr auf ihren Lehrplan zu schauen. Denn schulisches Wissen ist bei Ankunft im Berufsleben oft schon wieder veraltet. Deshalb sind mehr allgemeine Kompetenzen statt Lernstoff gefragt, wie z.B. Lernen lernen, recherchieren, präsentieren, Probleme lösen. Die Kompetenzen sind auch weitgehend unabhängig von der Schulform, da
ICTICT
Information and Communication Technology, zu deutsch: Informations- und Kommunikationstechnologie. Die Zusammenfassung der beiden Begriffe entstand in den achtziger Jahren, um das Zusammenwachsen der Informationstechnik und der Kommunikationstechnik zu verdeutlichen.
individuell zugeschnitten auf Können und Begabung eines Schülers eingesetzt werden kann. Weltweit ist Computernutzung im Unterricht auf dem Vormarsch. Welche Länder sind besonders weit?
Seidel: Den größten Vorsprung haben sicherlich die USA. In Skandinavien und Kanada sehen die Zahlen aber nahezu identisch aus. Viele andere Länder sind auf dem besten Weg dahin. Wir können froh sein, wenn wir in 10 Jahren dort stehen, wo Skandinavien, Kanada und die USA – allein bezogen auf die Rechnerintegration – heute stehen. Und das Problem schreibt sich ja fort. Während wir mit schleppendem Tempo hinterherhecheln – quasi Nachhilfestunden nehmen –, rasen konkurrierende Schulsysteme mit Top-Speed weiter. Da werden Lichtjahre aus einer Dekade. Ich bin mir sicher, würde die Integration der Rechner in den Unterricht von der OECD im Rahmen eines „Lehrer-PISA“ untersucht werden, so hätte Deutschland den nächsten PISA-Schock zu verarbeiten.
Wenn wir nur über Hardware reden: Deutlich weniger als zehn Prozent der Computer an unseren Schulen sind mobile Laptops, in vielen anderen Ländern liegt der Anteil bei 20 Prozent. Werden Laptops, also der mobile Zugang zu Wissen und Bildung, mit den richtigen Unterrichtskonzepten genutzt, erleichtern sie die Integration der Rechner in den Unterricht stark.
Wenn wir nur über Hardware reden: Deutlich weniger als zehn Prozent der Computer an unseren Schulen sind mobile Laptops, in vielen anderen Ländern liegt der Anteil bei 20 Prozent. Werden Laptops, also der mobile Zugang zu Wissen und Bildung, mit den richtigen Unterrichtskonzepten genutzt, erleichtern sie die Integration der Rechner in den Unterricht stark.
Stichwort „Zukunft“ – werden deutsche Kinder dauerhaft den Anschluss verlieren?
Seidel: Die Defizite werden sich direkt auf unsere Kinder und in einigen Jahren dann auch auf die Wirtschaftskraft unseres Landes auswirken. Wenn der Nachwuchs mit
ITIT (= Information Technology)
Informationstechnik oder Information Technology (IT) ist ein Oberbegriff für die Informations- und Datenverarbeitung sowie für die dafür benötigte Hard- und Software.
- Kompetenzen fehlt, werden die Firmen in der globalen Welt dorthin gehen, wo sie mehr innovative IT-Fachkräfte finden. Viele unserer Fachkräfte werden dann den Firmen hinterherziehen. Alles andere ist illusionär. Ist im Unterricht deutscher Schulen kein Platz für den Computer?
Seidel: Die Gründe liegen auf mehreren Ebenen. Anders als Kinder und Jugendliche, die heute völlig selbstverständlich mit Computern aufwachsen und umgehen, sind nur etwa 50 Prozent unserer Lehrer medienaffin. In einer EU Studie, die vor anderthalb Jahren durchgeführt wurde, glaubten nur 65 Prozent der befragten deutschen Lehrer, dass der Computereinsatz deutliche Mehrwerte für die Schüler liefere. In allen 26 übrigen, anhand der Studie untersuchten Ländern, sind es mehr als 85 Prozent.
Bei der letzten großen Reform ihrer Bildungssysteme, die nahezu alle europäischen Länder in den 80er- und 90er-Jahren auf den Weg gebracht haben, wurde in Deutschland der Computer schlichtweg vergessen. Ein Beispiel, wie es anders geht, liefert England: Noch in diesem Jahr soll dort jedes Schulkind Zugang zu einer E-Learning-Plattform haben.
Bei der letzten großen Reform ihrer Bildungssysteme, die nahezu alle europäischen Länder in den 80er- und 90er-Jahren auf den Weg gebracht haben, wurde in Deutschland der Computer schlichtweg vergessen. Ein Beispiel, wie es anders geht, liefert England: Noch in diesem Jahr soll dort jedes Schulkind Zugang zu einer E-Learning-Plattform haben.
Was ist zu tun, um den Einsatz von ICT in der Schule zu fördern?
Seidel: Es ist nicht ausschließlich ein Problem einzelner Schulen oder Lehrer, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Es wird nicht anerkannt, dass die Ausbildung der Schüler heute den Lebensstandard in 10 bis 20 Jahren sichert. In anderen Ländern gibt es massive Förderangebote vom Staat. Unser Staat versteckt sich hinter der Föderalismusdebatte. Während andere Länder ca. 10 bis 15 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Bildung investieren, verschleiert unser Föderalismus, wie viel tatsächlich investiert wird. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass es allenfalls 5 bis 7 Prozent sind. Wer aber sein Bildungssystem verbessern möchte, kommt am Einsatz und der Finanzierung von ICT nicht vorbei.
Also ist Geld ein Schlüssel?
Seidel: Ganz sicher. Sonst laufen wir in eine Falle. Die notorische Geldknappheit unserer Schulen führte bereits dazu, dass Lehrer auf fatale Weise sozialisiert wurden. Dahin nämlich, zu sagen: „Mein Unterricht darf nichts kosten, da die Schule kein Geld hat“.
Computer für Schüler sind aber nur das eine Ende. Wo kommt das Wissen her?
Seidel: Nicht das Wissen ist das Entscheidende, sondern die Kompetenz, sich das nötige Wissen schnell dann anzueignen, wenn man es braucht. So bleibt man flexibel und kann sich den kommenden Veränderungen leicht anpassen. Das Wissen ist im Netz. Daher ist es unnötig, das zu lernen, was im Netz vorhanden ist. Um diese Arbeit zu unterstützen, benötigt man weniger das klassische Schulbuch, als kleinere, an die Probleme anpassbare Erklärungen und digitale Arbeitsblätter. So wie sie mittlerweile immer mehr von den Schul“buch“verlagen produziert werden. Über eine Lernplattform bietet der Lehrer die für die Schüler passenden multimedialen Lerninhalte und Aufgaben gebündelt an. Es macht nämlich keinen Sinn, dass unsere Kinder als halbvollständige Lexika ihrem Berufsleben entgegen wandeln. Diese Verantwortung kann ernsthaft niemand mehr übernehmen.
Was ist mit Bildungsplattformen, die uns durch ein lebenslanges Lernen begleiten, von der Grundschule über die Universität bis zur beruflichen Fortbildung? – Brauchen wir die?
Seidel: Ja selbstverständlich. Die Halbwertszeit des Wissens wird immer kürzer. Wissen ist nicht länger etwas Statisches, sondern es ist dynamisch. Die Lernplattformen bieten die Möglichkeit, sich in kleinen Häppchen orts- und zeitunabhängig neues Wissen anzueignen. Ein Leben lang.

