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Energieschub durch ICT
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„Ein neuer Markt entsteht“

Dr. Carlo Velten, Senior Advisor der Experton Group, verantwortlich für Innovationsthemen, zu den ICT-Geschäftpotenzialen von Smart Grid und Smart Metering.
Herr Dr. Carlo Velten, die Europäische Union spricht von einem Investitionspotenzial rund um die Themen Smart Grid und Smart Metering von mehreren 100 Milliarden Euro. Erwartet die ICT-Branche also ein neuer lukrativer Markt?
Es entsteht unbestritten ein neuer Markt. Wir sprechen sogar von einem sehr großen Markt. Die Stromnetze sind teilweise sehr veraltet, insbesondere in den Ländern, die noch stärker monopolartig organisiert sind. Es besteht also ein hoher Erneuerungs- und Ausrüstungsbedarf in der Energiebranche. Die notwendigen Investitionen beinhalten auch entsprechende ICT-Technologien und Services, damit die Netze intelligenter werden. Denn die Energiebranche braucht mehr Transparenz, um die Stromerzeugung, die Verteilung und den Verbrauch wirtschaftlicher managen zu können.
Wo entsteht der größte Investitionsbedarf aus Sicht der ICT-Branche? Ist es die Software, die Hardware oder sind es Dienstleistungen?
Wir glauben, dass dies der Softwarebereich in Verbindung mit Services sein wird. Für den IT-Bereich ist es interessant, Software zu entwickeln, die ein intelligentes Lastmanagement ermöglicht, mit der sich das Netz besser aussteuern lässt. Dies betrifft etwa die Zuleitung von regenerativen Energien. Schließlich gilt es Lösungen für das Management des Energiehaushalts zu entwickeln. Es gibt also einerseits die Themen Monitoring und Analyse sowie andererseits das aktive Managen und Steuern des Energieverbrauchs. Im Consumerbereich kommt dann noch Software dazu, mit der sich der Stromverbrauch über Webservices auch mit einem Smartphone zeitnah beobachten lässt.
Wer hat Vorteile in Markt für Smart Metering und Smart Grids? Der große flächendeckende ICT-Anbieter oder die kleinen bis mittelständischen Unternehmen?
Dieses Geschäft kommt einerseits nur für die ganz großen Dienstleister und Ausrüsterfirmen in Frage. Andererseits bringen diese nicht unbedingt alle Kompetenzen mit. Daher wird es ohne Unternehmen mit speziellem Know-how nicht gehen. Es gibt eine Vielzahl von mittelständischen Software- und Beratungshäusern, die teilweise einen ingenieurtechnischen Hintergrund haben und schon lange im Energiemanagementbereich unterwegs sind. Im Bereich Smart Grid oder Smart-Metering-Lösungen für die Endverbraucher gibt es dagegen wesentlich weniger Anbieter. Hier ist die Telekom natürlich wegen ihrer flächendeckenden Präsenz ein potenzieller Kandidat.
Wie bewerten Sie die Chancen einer Telekom in diesem Markt?
Ein Unternehmen wie die Telekom sollte kleineren, spezialisierten Firmen eine Plattform bieten, deren Lösungen mit den eigenen Stärken verknüpfen, und sie dann professionell in den Markt tragen. So kann ein tragfähiges Ökosystem von unterschiedlichen Qualifikationen entstehen. Dabei sind die Stärken einer Telekom der flächendeckende Service, das Billing aber auch das ganze Thema Sicherheit, das eine wichtige Rolle einnehmen wird. Letztendlich fungiert also die Telekom gegenüber den Kunden als „Trusted Partner“. Damit kann man sich auch gegen die großen Ausrüster wehren, die aktuell sicher die größten Konkurrenten einer Telekom sind.
Ist aus Ihrer Sicht die Kooperation von Telekom und ABB ein kluger Schachzug, obwohl hier zwei Großgewichte zusammenkommen?
Absolut. Infrastruktur- und Ausrüstergeschäft zusammenzubringen mit Netzkompetenz und Software ist das, was der Markt fordert. Dies schließt kleine Spezialisten ja nicht aus. Hinzu kommt das Billingeschäft, für das Unternehmen aus der Telekommunikation eine besonders gute Basis bieten.
Lohnt es sich denn für die EVUs zu investieren?
Modellrechnungen zeigen, dass sich die Prozesskosten der EVUs mittels Smart Metering deutlich reduzieren lassen. Es müsste zum Beispiel niemand mehr zum Ablesen raus und zudem ließe sich die Kundenbindung verbessern. Trotzdem hat sich das noch nicht flächendeckend durchgesetzt.
Ein Blick in andere europäische Länder zeigt, dass deren Ausstattung mit Smart Metern besser ist, obwohl die Gesetzgebung – da europäisch – ähnlich wie in Deutschland ist. Es gibt dort bessere Anreizstrukturen.
Deutschland wartet also wie so oft bei neuen Technologien erst einmal ab?
Sie dürfen trotz des ganzen Hypes bestimmte Realitäten nicht verkennen. Die Zahlungsbereitschaft der Endkunden für diese Form von Dienstleistungen ist sehr gering. Dies liegt auch ganz einfach an den Kosten und dem daraus resultierenden Einsparpotenzial. Wenn ein Haushalt 100 Euro pro Monat für Strom bezahlt und er dank Smart Metering zehn Prozent einsparen kann, dann liegt die Zahlungsbereitschaft für solche Services bei maximal acht Euro pro Monat – eher noch ein Stück darunter. Ansonsten habe ich doch von diesem Service nichts. Der Erfolg hängt also ein Stück weit von der Entwicklung der Energiepreise ab. Steigen diese um 50 oder gar 100 Prozent, läuft das Thema.
Aber Unternehmen können doch schon heute durch mehr Verbrauchstransparenz erheblich Energiekosten einsparen?
Da stellt sich die Frage, wie denn ein Haushalt oder Unternehmen bei mehr Transparenz seinen Stromverbrauchsverhalten überhaupt ändern kann? Ist ein Industrieunternehmen überhaupt in der Lage, seine Produktion zeitlich zu verlagern, um einen günstigeren Strompreis zu nutzen? Daher sagen wir auch, dass sich ICT-Dienstleister sehr genau in das Thema Energiemanagement einarbeiten müssen.
Wer sind denn aus Sicht der Energiebranche die großen Treiber? Die vier großen EVUs oder eher die rund 800 kleinere Versorger?
Es kann für die regionalen EVUs sehr viel Sinn machen, mit innovativen Smart Metering-Lösungen an den Markt zu gehen, da sie neben den Privat- auch Geschäftskunden mit intakter Kundenbeziehung haben. Diese kann man mit guten Angeboten pflegen und binden und so das Abwandern zu anderen Anbietern verhindern. Daher bieten sich die kleineren EVUs als Kooperationspartner für die IT-Dienstleister an.